Sonntag, 5. August 2018

Talentcampus 2018 - tierisch creativ in Suhl

Auch 2018 organisierte die Volkshochschule Suhl mit viel Engagement einen Talentcampus für Kinder aus Suhl und Umgebung. Das Projekt startete am 23.06.2018 mit einem Eltern-Informationstag im Heinrichser Rathaus. Workshops wurden vorgestellt und organisatorischen Informationen präsentiert.

Im Mittelpunkt dieser aktiven Ferien­gestaltung steht nicht nur das reine Freizeitvergnügen. Auch die kulturelle Bildung soll nicht zu kurz kommen. Unabhängig von der sozialen Herkunft soll jeder junge Mensch bestmögliche Bildungschancen erhalten. Mit dem Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung" fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung außerschulische Angebote der kulturellen Bildung. Gestärkt werden sollen Selbst­motivation, Leistungs- und Verantwortungsbereitschaft junger Menschen. Durch aktive Beschäftigung mit Kunst und Kul­tur erleben die jungen Menschen persönliche Wertschätzung.

Motto für die Ferienwoche vom 09. bis 13. Juli 2018  war

"tierisch-creativ im Sommer“

In Zusammenarbeit mit dem Suhler Tierpark  und der Dombergschule Suhl hatten Kinder vielfältige Angebote, selbst tierisch kreativ zu werden. Die Möglichkeiten unmittelbar im Tierpark waren grandios. Workshops mit breit gefächerten Themen standen zur Wahl.

Workshops

tierisch lecker Kochschule Löffelstiel
Ernährungsdetektive lernten mit Tierprodukten, Obst, Gemüse und Getreide richtig umzugehen, stellten Rezepte zusammen und bereiteten danach Gerichte zu.

Die bunte Welt der Schmetterlinge - Anja Zimmermann
Umweltdetektive erforschten den Lebensraum von Schmetterlingen und Insekten. So erfuhren Sie, was man von Insekten lernen kann.

Wo sich auch Hummeln gerne tummeln - Herrmann Oehring
Hier ging es um Pflanzen für einen naturnahmen Garten mit Düften, Farben und Formen. Kinder kreierten eine „Speise-Tafel" für Insekten – vom Anlegen einer Blumenduftstraße bis zum fertigen Hummelhotel

Geschichten formulieren & Geschichten malen für ein Buch
Imke Kurtz & Dietmar Hörnig & Angelika Beuger
Kinder brachten Erlebnisse mit Tieren als kleine Geschichten zu Papier:
mit Wörtern oder als gemalte Bilder. Aus den schönsten Geschichten und Zeichnungen entsteht ein kleines Kinderbuch.

tierische Apps - Daniel Göbel
In diesem Workshop entstand eine App für und über den Suhler Tierpark.

tierische Fotos – Frank Hausdörfer
Für Hobby- und Freizeitknipser standen viele Tier-Modelle zur Verfügung. Fotoshootings in Bereichen, die Besuchern nicht immer zugänglich sind und  Profi Tipps ließen beeindruckende Tierfotos entstehen.

tierisches Filmen Bildermacher Semi
Filmkameras begleiteten alle Workshops, Interviews wurden geführt. Am Ende der Woche staunten alle über die umfassend kurzen und knappen Einblicke, die die besten Momente als Film archivieren.

tierisches Nähen 123-Nadelei
Nähinteressierte Kinder lernten mit der Nähmaschine umzugehen. Sie nähten tierische  Handpuppen nach eigenen Entwürfen sowie Wimpelketten als Schmuck für den Tierpark.

Ziel jedes einzelnen Workshops war es, abschließend eine Präsentation der tierischen Kreationen zu zeigen. 

Einblicke in die Nähwerkstatt

Bereits zum 3. Mal durfte ich den Näh-Workshop vorbereiten und betreuen. Nach wie vor ist der Nähkurs sehr beliebt, einige Teilnehmer kenne ich aus vorangegangenen Kursen.




3 Nähprojekte mit flexiblem Gestaltungsspielraum habe ich vorbereitet, getestet und entsprechendes Material besorgt:

Unsere Nähwerkstatt war im Werk-Raum der Dombergschule Suhl untergebracht. Verschiedene Arbeitsbereiche im Raum konnten unsere Kursteilnehmer ständig nutzen:
  • Stoffdepot mit bunten Stoffen, Bettwäsche und Mischgewebe-Hemden
  • Zuschneidetische im Vorraum
  • 2 Tische mit 4 Nähmaschinen
  • Textilmalbereich im Nebenraum
  • Handnäh- und Beratungstisch(e) 

So gab es immer mehrere Möglichkeiten, um Nähprojekte zu gestalten und fertig zu stellen.
Besondere beliebt war der Bereich mit den elektrischen Nähmaschinen. Wartezeiten wurden genutzt, um sich gegenseitig zu inspirieren und zu helfen. Der Einsatz von Second-Hand-Textilien ermutigte zu Experimenten mit Textilfarben, Bastelfilz und Nähmaschinen. Bei der Auswahl von geeigneten Stoffen für Tier-Handpuppen besprachen wir die Eignung der Textilien, die Reihenfolge zur Gestaltung des Gesichtes und wie Ohren aussehen sollen. Alle Teilnehmer haben eine Handpuppe passend zur Größe ihrer Hand genäht und gestaltet, einige zusätzlich Fingerpuppen.



Da Wimpelketten zurzeit bei diversen Festen als Schmuck für draußen beliebt sind nähten wir Wimpel für den Tierpark. Solche Dreiecke sind gut geeignet, um etwas Besonderes zu gestalten. Warum nicht mal mit einem Tiergesicht oder Pizzastücke für das Tierpark-Bistro. Besonders phantasievoll sind Wimpel aus Textil-Farb-Experimenten ohne bestimmten Gestaltungsplan. Man muss der Phantasie und dem Pinsel auch mal freien Lauf lassen … 


Die Begeisterung zum Nähen der Wimpel hielt nicht bis Freitag an. Bereits Dienstagnachmittag wollten sie Kinder nur noch eines nähen … (* später mehr dazu).


Weshalb war die Wimpel-Näh-Euphorie relativ schnell zu Ende?
Nachträgliche Gedanken meinerseits mutmaßen folgendes:
  • Die Wimpel konnten nicht als genähte Stücke mit nach Hause genommen werden.
  • Die seitlichen Nähte am Schrägschnitt und das Wenden an der Spitze erfordern Geduld und etwas Näherfahrung.
  • Das Wenden ist leichter gedacht als getan, auch hier braucht es Geduld und Ausdauer
Das Komplettieren der Wimpel als Ketten konnte ich einer Kursteilnehmerin übertragen, die schon Wiederholungs-Erfahrung hatte. Sie nähte eigenständig, schaute gelegentlich, wo Hilfe erforderlich und was noch fertig zu stellen war.  

Fabrigami-Schmetterlinge fanden kaum Interesse. Grund hierfür ist sicher, dass es Zeit und Geduld benötigt, um solch ein Gebilde aus Stoff vorzubereiten und mit Handstichen räumlich zu fixieren. Zusammenfassend habe ich festgestellt, dass an Handnähen grundsätzlich wenig Interesse besteht. Das beginnt mit dem Einfädeln.



Die Woche insgesamt betrachtet war eine schöne Erfahrung für alle Kinder. Auch ich möchte diese gemeinsame Zeit nicht missen. Allerdings benötigt es viel Energie, Begeisterung und Enthusiasmus. Die Ziele der Workshops für eine Woche sind hoch gesteckt wenn man bedenkt, dass die zum Nähen verfügbare Zeit einer Talentcampus-Woche kürzer ist als man im Vorfeld vor Augen hat.
Montags starteten alle Gruppen mit einem Rundgang im Tierpark. Organisatorische Belange sind auch wichtig und benötigen Zeit. Nach dem Mittagessen trafen wir uns im Nähbereich. Noch ehe wir uns alle gegenseitig bekannt gemacht hatten schaute schon das MDR-Fernsehen rein um zu filmen, was bei uns so genäht wird. Der Mittwoch war vormittags für einen Ausflug ins Meininger Theater reserviert. Wir durften im Kostümfundus stöbern und hinter die Kulissen schauen. Zur Präsentation der Handpuppen bekamen wir nützliche Tipps.


Am Freitag dreht sich alles um die Abschluss-Präsentation, mittags sollen die in der Schule genutzten Räume geräumt sein. Deshalb blieb am Freitag kaum Nähzeit übrig. Diese letzte Zeit haben wir genutzt, um individuelle Näh-Pläne zu besprechen und kleine Nähprojekte zu probieren. Es entstanden Handyhüllen, Taschen und * Kissen, Kissen, Kissen. Letzteres ist es, das die Kinder wirklich nähen möchten. Um beim diesjährigen Thema zu bleiben könnte man Tiergesichter drauf gestalten … 

Zur Präsentation unserer Handpuppen im Rahmen der Abschlussveranstaltung nutzten wir ein LKW-Planen-Gestell und verkleideten es provisorisch. Viel einstudiert haben wir nicht, so eine erlebnisreiche Woche ist kurz! Spontan improvisierte Bewegungen der Puppen in wechselnder Besetzung zu rhythmischer Musik brachte interessierten Zuschauern und Puppenspielern gute Laune. So hatten wir noch mal Spaß und verabschiedeten uns in die Ferien.

Fazit:

Die Ziele unseres Workshops „tierisch nähen“ haben wir erfüllt:

  • Individuell gestaltete tierische Handpuppen konnten am Abschlusstag mit Musik ein kleines Puppen-Tanztheater präsentieren.
  • Mehrere Meter Wimpelkette sind entstanden und stehen dem Tierpark als Deko-Elemente zukünftig zur Verfügung.

Das eigentliche Werkeln in der Nähwerkstatt bewegt sich zwischen Geduldsübungen und Zeitdruck im Hinterkopf bei dem Gedanken an die Ziele zur Abschlusspräsentation. Einerseits sind Ziele und ein finaler Termin als Richtlinie wichtig. Andererseits führt dieser Termindruck auch dazu, dass das Erlernen von Nähfertigkeiten für die Kinder im Rahmen dieser Woche nur oberflächlich bleiben kann. Im Näh-Workshop waren 10 Kinder betreut durch Workshopleiter und einen Helfer (für Lehrer sicher eine paradiesische Vorstellung). Allerdings soll meiner Ansicht nach so ein Workshop auch nicht wie Unterricht ablaufen, sondern mehr Freiräume ermöglichen, die angeregt werden und auch begleitet werden sollten. Nähen ist ein komplexer Prozess mit dem Zusammenspiel von technischer Ausstattung, Materialien, Hilfsmitteln und erfordert obendrein vorausschauendes räumliches Vorstellungsvermögen. Praktische Erfahrungen sind hier unverzichtbar. Nähen ist eine handwerkliche Tätigkeit, die erst nach Übung und Training gleichmäßig und vorzeigbar gelingt
Wenn die Kinder im Einzelnen ihr Projekt realisieren treten zwangsläufig Fragen und Probleme auf, die ab einem bestimmten Punkt immer weiter auseinander laufen und sich nicht mehr gebündelt beantworten lassen. Hier ist dann die Geduld der Kinder gefragt, denn sie müssen warten, bis Rat und Hilfe naht. Deshalb ist es notwendig, dass der Helfer die Nähprojekte im Vorfeld kennen lernt. Es ist wichtig, die einzelnen Näh-Problemstellen mit den Kindern zu überwinden. Allmählich kommt es dann dazu, dass einzelne Kinder ausgewählte kleine Prozesse beherrschen und sich gegenseitig helfen. Das beginnt nach meinen Erfahrungen am Ende der Projekt-Woche. Die gegenseitige Hilfe der Kinder untereinander ist es, was ich anstrebe, denn das, was Kinder erklären können haben sie auch verstanden. Darauf lässt sich aufbauen. 

Beim Einfädeln helfe ich Dir ...
Es entstehen Kompetenzen mit denen sich die Kinder im Alltag auch mal selbst helfen können, wenn ein Knopf abgefallen ist oder eine Naht an einem Lieblings-Kleidungsstück auszubessern ist.
Eine wichtige Stütze im Kurs mit Kindern ist meine Workshop-Helferin. Die Kontrolle von Anwesenheit und besonders kurzzeitigen Abwesenheiten ist eine wichtige Aufgabe, bei er ich mich auf sie verlassen kann. So kann ich mich ohne Ablenkung den Workshop-Inhalten widmen. Natürlich hilft sie auch bei den Nähprojekten. Nachmittags ist es mitunter auch ratsam, einen Teil der Gruppe im Wechsel auf den Spielplatz zum Austoben zu begleiten. Wie beim Autofahren braucht es zwischendurch mal etwas Bewegung, dann geht alles gleich konzentrierter und leichter von der Hand. 

Das Größte für mich ist immer, die Fortschritte der einzelnen Kinder im Laufe der Woche zu verfolgen. Einzelne Talente legen ganz beachtlich los, das wirkt ansteckend.

Ach so machst Du das ...

Freude am Schauen und Begreifen
ist die schönste Gabe der Natur.

Albert Einstein

Dienstag, 10. Juli 2018

Talentcampus 2018 - Kinderstadt in Suhl hat begonnen

Bis zum 16.07.2018 sind in der Mediathek des MDR Einblicke in das Projekt Talentcamp, Suhler Kinderstadt 2018 möglich. Dieses Jahr sind wir zu Gast im Suhler Tierpark. Alle Workshops werkeln "Tierisch creativ".

Nach der Abschlussveranstaltung am Freitag werde ich ausführlicher berichten. Ein paar tierische Handpuppen kann ich schon mal zeigen:


Sonntag, 24. Juni 2018

Rokoko … Spurensuche in Thüringen

Constanze hat als Thema der Stoffspielerei „Rokoko“ gewählt. Pläne, etwas zu diesem Thema als Handarbeit zu gestalten habe ich verworfen. Stattdessen kam mir der Gedanke, in meiner Bibliothek und in Thüringen nach Spuren von Rokoko zu suchen. Mit Texten, Bildern und PKW war ich auf Zeitreise in eine Welt ohne elektronische Medien.
Was kann man nach 230 Jahren noch finden?
Gibt es spannende Geschichten mit Textilien und Mode als Thema?
Nach ausgewählten zeitlichen Eckdaten nähern wir uns dem Thema und gehen auf die Suche.

Was, wann, wer und wo …

1618 – 1648 Dreißigjähriger Krieg
1575 - 1770 Barock
    Frühbarock bis ca. 1650,    
    Hochbarock bis ca. 1650–1720
    Spätbarock oder Rokoko bis ca. 1720–1770
1638 – 1715 Ludwig XIV, der Sonnenkönig in Frankreich
1666 – 1751 Fürstin Augusta Dorothea von Schwarzburg-Arnstadt (Mon plaisir)
1710 – 1774 Ludwig der XV. in Frankreich
1732 – 1772 Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg verheiratet mit
1710 – 1767 Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg in Gotha
1737 – 1758 Ernst August II.Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, verheiratet mit
1739 – 1807 Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel, (Nichte von Friedrich II.) in Weimar
1759 – 1775 Regierungszeit von Anna Amalia als Vormundschafts-Regentin für Erzherzog Carl-August
1756 – 1763 Siebenjähriger Krieg 
1763 – 1766 Weimar: Umbau Grünes Schloss zur Bibliothek
1767 erste Kleiderordnung unter Herzog Ernst I. von Sachsen Gotha
1775 Goethe kommt nach Weimar
1852 Standesunterschiede im Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg werden aufgehoben, die Kleiderordnung wird außer Kraft gesetzt

Rokoko … wie war das so?

Aus der Epoche des späten Barock entwickelte sich etwa ab etwa 1720 Rokoko. Beide Epochen sind Stilrichtungen der europäischen Kunst. Namensgeber für Rokoko ist das französische Wort Rocaille (Muschel). Es bezeichnet ein immer wieder auftretendes asymmetrisches Ornament-Motiv.
Es war ein Zeitalter, in dem Frauen und Liebe die Politik beeinflussten. Die Mode kombinierte die strengen Formen höfischer Etikette mit dem Reiz weib­licher Schönheit.
Die Paläste des Adels wurden zu Treffpunkten der Gesellschaft. Schönheit und Eleganz bestimmte Sitten und Umfeld des Adels. Vorbild war der französische Hof mit Ludwig XIV. Französische Etikette, französische Sitten und Moden hielten in Europa Einzug.
Porträts aus dieser Zeit sind unsere Informationsquellen für die Mode dieser Zeit.

Die Tänzerin Barberina, Druck in einer Ferienwohnung Suhl
Nach dem Tode Ludwig XIV. wurde der politische Verfall Frankreichs sichtbar. Moral und Sitten der Gesellschaft ließen zu wünschen übrig. In Kunst und Mode bewirkte diese Umwandlung zum Verspielten die Wandlung in die Stilepoche des Rokoko. Alles Strenge verschwand aus dem modischen Bereich. Selbst die leuchtenden Farben am Hofe Ludwig XIV. wurden gegen zarte Pastelltöne eingetauscht. Die weibliche Bekleidung bestand aus einem viereckig ausgeschnittenen, eng taillierten Oberteil, das in einer tief heruntergezogenen Spitze seinen Abschluss fand. Ein Reifrock betonte die schmale Taille. Das geteilte Rock-Vorderteil ließ ein mit Rüschen, Falbeln oder Schleifen verziertes Unterkleid durchblicken. Das Haar wurde weiß gepudert und in kleine Löckchen geordnet. In der zweiten Hälfte des 18, Jahrhunderts wuchs diese relativ einfache Frisur absurd in die Höhe. Eine tägliche Pflege war unmöglich, gerne nistete sich Ungeziefer ein.

Detaillierte Einblicke und Bildergalerien fand ich auf der Seite costumeantique. Ein Besuch lohnt sich, sogar ein 2. Rokoko (1850 – 1870) fand ich dort. Wer mal im Journal des Luxus und der Moden lesen möchte wird dort ebenfalls fündig. Diese älteste deutsche Modezeitschrift wurde von 1787 bis 1812 in Weimar verlegt.

Deutschland im 18. Jahrhundert

Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges wirkten nach. Finanzielle Mittel waren knapp, auch an deutschen Adelshäusern. Erbteilungen wegen fehlenden Erbschaftsregelungen zersplitterten die Besitztümer der Herrschaften. Die kleinen Höfe bemühten sich, dem französischen Vorbild am Hof des Sonnenkönigs nachzueifern. Viele kleine Zentren mit verschiedenen Schwerpunkten der Rokoko-Kunst entstanden.
Naturwissenschaften und technische Erfindungen (z.B. die Dampfmaschine) prägten das 18. Jahrhundert. Im ausgehenden 18. Jahrhundert sehnen sich auch die Herrschaften wieder nach der Natur. Bildungsreisen waren in Mode.
Kleiderordnungen bestimmten die Verwendung von Materialien und Farben für die Stände. Klassenunterschiede waren offen erkennbar durch verschiedenfarbige Kleidung.

Barock und Rokoko in Thüringen

Bibliotheken, Sammlungen, Ausstellungen und Feste

1640/41 wurde mit der Entstehung des neuen Herzogtums Sachsen Gotha im Schloss Friedenstein ein geheimes Archiv für Urkunden, Amtsbücher und Akten gegründet. 1840 wurde das Archiv in „Herzoglich sächsisches Haus- und Staatsarchiv“ umbenannt. Das Hauptarchiv war in Weimar.

Sucht man online nach Rokoko in Thüringen listet die Suchmaschine Texte und Bilder der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar auf. 

Vielen ist der Brand in dieser Bibliothek im Jahr am 2. September 2004 im Gedächtnis.

Von Herzogin Anna Amalia, auch genannt die Gründerin Weimars und die Beschützerin der Künste und Wissenschaften erhielt die Bibliothek im Jahr 1991 den Namen. Gegründet wurde die Bibliothek 1691 als  „Herzogliche Bibliothek“ von Herzog Wilhelm Ernst in Weimar. Über die Jahre wurde der Bestand systematisch aufgestockt mit handgeschriebenen und gedruckten Büchern aus allen Gebieten des menschlichen Wissens. Die Sammlungen der Gothaer Kunstkammer sind umfangreich. Speziell im Bereich Naturwissenschaften hat die Sammlung seit langer Zeit einen herausragenden Ruf.


Mitte des 18. Jahrhunderts standen in Gotha Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung hoch im Kurs. Gelehrte und Künstler verkehrten mit der Hofgesellschaft. Die Herzogin Luise Dorothea war Mittelpunkt der Hofkultur. Voltaire nannte sie die „beste Fürstin der Erde“ und eine „deutsche Minerva“.

Ende des 18. Jahrhunderts führten soziale und gesellschaftliche Veränderungen auch in Gotha zur Angleichung bürgerlicher und höfischer Mode. Kleiderordnungen wurden abgeschafft.

Im Frühjahr 2018 gab es im Schloss Friedenstein in Gotha eine Sonderausstellung mit dem Titel „À LA MODE – SPITZEN VON RENAISSANCE BIS ROKOKO“. Auch exquisite Auswahl von Spitzenfächern war zu sehen. Am 13. Mai 2018 fand im Herzoglichen Museum der Aktionstag „Gotha ist Spitze“ statt. . Präsentationen zeigten, wie Spitze hergestellt wird.
Seit 2001 veranstaltet Gotha am letzten Augustwochenende auf des Schlosses Friedenstein alljährlich ein Barockfest. Besucher können in glanzvolle Epoche des Spätbarocks eintauchen, Laiendarsteller in Kostümen bewundern und zusehen, wie Herzog Friedrichs III. vonSachsen-Gotha-Altenburg  mit seinem Hofstaat Wachparaden abnimmt, Audienzen hält und durch den Orangeriegarten  lustwandelt. Eines meiner Fotos von 2010 zeigt eine Darstellerin im typischen Rokoko-Kleid.


Übrigens kann man bei marquise.de Basiswissen zum Rokoko nachlesen. Besonders interessant fand ich die Texte über häufige Missverständnisse und Klischees.

Die Puppenstadt in Arnstadt

Ein besonders anschauliches Erbe der Barock- und Rokoko Zeit hat uns Fürstin AugustaDorothea von Schwarzburg-Arnstadt hinterlassen. Alles verfügbare Vermögen und mehr investierte sie in eine Puppensammlung, Miniatur-Szenen als Abbild des höfischen und bürgerlichen Lebens sind dargestellt.
Die Sammlung ist
Besuchermagnet im Schlossmuseum Arnstadt.


Zeitzeugen aus Porzellan

Vorlieben, Mode und Geschmack von Barock und Rokoko sind langlebig konserviert in Porzellan-Erzeugnissen. In Thüringen gab es mehrere Porzellanmanufakturen, die die Sammelleidenschaft der Regenten und auch des einfachen Volkes bedienten:

Thüringer Porzellanmanufakturen (18. Jh.)

Eine technologische Besonderheit ist die Verwendung von Plauener Spitze zur Ausformung der voluminösen Röcke und Details. Beim Brennen verdampft die Textilfaser, übrig bleibt das modellierte Porzellan. Als einer der ersten Manufakturen der Welt gelang es der Sitzendorfer Porzellanmanufaktur 1884, Spitzenfiguren herzustellen. Nur wenige Spezialisten beherrsch(t)en diese komplizierte Handarbeit.


Handarbeiten in Rokoko-Zeiten

Das Buch „KREUZSTICHMUSTER AUS DEM BAROCK UND ROKOKO“, herausgegeben von Helga Wagner mit einem Geleitwort von Irmgard Gierl, ISBN 3-7991-6264-X enthält 130 Schwarz-weiß-Tafeln nach Vorlagen aus Staatlichen Museen. Es handelt sich um Stickvorlagen aus drei Büchern des 17. und 18. Jahrhunderts:
   Muster aus dem „Neuen Modelbuch" von Paul und Rosina Fürst  
   Muster aus den „Nadel-Ergötzungen" von Margaretha Helm   
   Muster aus dem Büchlein von Christoph Weigel jun. 

Vorlagen-Sammlungen erfreuten sich großer Beliebtheit. Die Motiven hatten bestimmte Bedeutungen. Beispielsweise versinnbildlichte die Nelke die reine Gattenliebe.
Die Muster waren keine Erfindungen der jeweiligen Autoren sondern überwiegend uraltes Traditionsgut, übernommen von Seidenstoffen und Teppichen aus dem Orient, aus China und Arabien.

Occhi (italienisch ‚Augen‘), auch Schiffchenarbeit oder Frivolité  mit einem Schiffchen wie wir es kennen scheint sich erst im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelt zu haben. Abbildungen des 18. Jahrhunderts zeigen Damen, die Occhi-Schiffchen in der Hand halten, allerdings sind diese größer und an den Enden gerundet.
Unter meinen Spitzendeckchen befindet sich eines aus Occhi-Knoten. Ich habe es auf einem Flohmarkt gefunden. Deshalb kann die Herstellung zeitlich nicht einordnen. 


Fazit

Die Beschäftigung mit diesem Thema macht mich neugierig, mehr zu erfahren.
Arnstadt, Gotha und Weimar sind nicht weit. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich die geschichtsträchtigen Plätze mal wieder aufsuchen. 
Weimar, Schloss Belvedere
In den Parks kann man bei geschlossenen Augen mit Wind um die Nase und Vogelzwitschern im Ohr auf Zeitreise gehen und sich vorstellen, wie es damals wohl war …
Eine meiner schönsten Erinnerungen zu einem Ausflug in Thüringen gehört nach Tiefurt, aber das ist schon eine andere Epoche, die vielleicht nach einer Fortsetzung verlangt ….
Tiefurt bei Weimar, Schlosspark
Verwendete Informations-Quellen:
Jahreszahlen aus Wikipedia
Rokoko: 48 Tafeln, Sibylle Harksen, Verlag: Prisma, ASIN: B00246783A
Das Barocke Universum Gotha: Schätze von Schloss Friedenstein, ISBN 3940998109
Die Höfe zu Thüringen, Carl E. Vehse, ISBN: 3378005610

Mode im Wandel, ISBN 3-37607-1273-8 
Zeitschrift Sibylle 1961-01

KREUZSTICHMUSTER AUS DEM BAROCK UND ROKOKO, ISBN 3-7991-6264-X 


Ich danke Constanze für das freizeitlich inspirierende Thema und bin gespannt, welche Rokoko-Stoffspielereien bei den anderen Stoffspielerinnen entstanden sind.

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat werden die Links mit den neuen Werken zwecks Erfahrungsaustausch gesammelt.

Die weiteren Termine der Stoffspielerei:
Juli +  August 2018: Sommerpause
30.09.2018: „Streifen“ bei 123-Nadelei
28.10.2018: „Seide“ bei Siebensachen
25.11.2018: (Thema noch nicht fix) bei Nähzimmerplaudereien
Dezember: Weihnachtspause
27.01.2019: (Thema noch nicht fix) bei Textile Werke
24.02.2019: „Farbverläufe“ bei Schnitt für Schnitt
31.03.2019: „Geometrie“ bei Feuerwerk by Kaze
weitere Themen: Tierwelt, textile Miniaturen, ... 

Samstag, 23. Juni 2018

Buchrezension: Der große Fotoguide für die perfekte Passform

Mit über 650 Farbfotos klar und gut verständlich Schritt für Schritt erklärt hilft dieses Nachschlagewerk, Schnittmuster anzupassen und die Änderungen auf das Schnittmuster zu übertragen:

Autorin: Sarah Veblen
3. durchgesehene Neuauflage, 224 Seiten
Format: 23,5 × 28,5 cm, Hardcover
ISBN: 978-3-8307-0915-2
Verlag: Stiebner
Blick ins Buch

Das Buch beinhaltet alles, was man wissen muss, um Schnittmuster individuell anzupassen. Tragefotos von Versuchsmodellen mit Nessel zeigen sehr anschaulich, worauf es ankommt, wenn man maßgeschneiderte Kleidung selbst nähen möchte.
In Wort und Bild erläutert wird hier nicht nur die exakte Vermessung für Blusen, Röcken, Blazer, Tuniken und Hosen, sondern auch die richtige Übertragung der Abmessungen auf vorhandene Schnittmuster. Darüber hinaus hält der Band Lösungsvorschläge bei Problemen mit der pass-genauen Linienführung für alle Körperkonstitutionen bereit und ist damit ein praktischer Begleiter durch viele eigene Schneider-Projekte.
Die Autorin näht seit über 25 Jahren und ist auf Änderungen, innovative Schnittkonstruktion und die Entwicklung hochwertiger Kleidung spezialisiert. Sie unterrichtet in ihrem Studio in Maryland, online unter PatternReview.com und als Gastdozentin überall in den USA. Aktuelle Einblicke gibt es auf ihrem Blog.
Die Spiralbindung ist praktisch in der Handhabung. Gerne nehme ich das Buch gelegentlich und schlage es beliebig auf. Immer wieder entdecke ich nützliche Details, die mir bisher noch nicht aufgefallen waren.
All das sind Gründe dafür, dass das Buch als ein aktuelles Standardwerk zum Bekleidung nähen und für Schnitt-Anpassung gilt.
Das Buch stellte mir der Stiebner Verlag auf Anfrage zur Verfügung.
Weitere Rezensionen zu diesem Buch fand ich hier,  hier und hier.